Oberkleid

WLB, Cod.bibl.fol.23, fol.41v.
WLB, Cod.bibl.fol.23, fol.41v.

 

 

 

 

 Das Oberkleid ist - anders als das Unterkleid, das, wenn überhaupt, nur an den Ärmeln zum Vorschein kommt - ein sichbares Kleidungsstück und besteht aus Schurwollstoffen. Wer ganz reich ist, kann auch Seide verwenden.

Leinen ist als Oberstoff eher unvorteilhaft, da es nicht so gut wärmt und Wasser zieht.

 

Der Schnitt entspricht im Wesentlichen dem des Unterkleides, jedoch sollte das Oberkleid boden-, mindestens aber knöchellang gewählt werden. Wohlhabende Karolingerinnen können es auch einige Zentimeter länger schneiden und über den Gürtel schoppen.

 

Am wahrscheinlichsten erscheint mir hier die Variante C, da B (wie schon beim Unterkleid) recht viel Verschnitt verursacht – Man muss bedenken, dass die Stoffe damals alle aufwändig von Hand produziert und daher entsprechend kostbar waren! – und die gerade geschnittene Variante A bei einem bodenlangen Kleid eventuell das Laufen behindert.

Schnittmustervorschläge Oberkleid
Schnittmustervorschläge Oberkleid
WLB, Cod.bibl.fol.23, fol.83v.
WLB, Cod.bibl.fol.23, fol.83v.

 

 

 

 

 

War die Karolingerin reich genug, um nicht selbst arbeiten zu müssen, konnte sie die Ärmel am Handgelenk auch sehr eng schneiden (dann ließen sie sich nicht mehr hochkrempeln) und sie überlang wählen, sodass sie sich am Unterarm schoppten. 

Ebenfalls möglich war es, die Ärmel nur halblang, dafür aber etwas weiter (in der Praxis heißt das: gerade) zu schneiden, sodass das leinene Unterkleid bzw. ein weiteres, farbiges Wollkleid zum Vorschein kam.

Gerade dieser "Lagenlook" machte es möglich, den eigenen Wohlstand in Form von Stoffreichtum zu präsentieren.

Auf den Abbildungen scheinen die Kleider einen runden Halsausschnitt zu besitzen und nach unten hin eher schmal zugeschnitten zu sein. Je nach Körpergröße halte ich einen Saumumfang zwischen 160 und 180 cm für schmal genug, um den Bildern nahe zu kommen, aber weit genug, um alltagstaugliche Schrittlängen zuzulassen.

WLB, Cod.bibl.fol.23, fol.33v.
WLB, Cod.bibl.fol.23, fol.33v.

 

 

 

 

Charakteristisch für die Psalterbilder sind die andersfarbigen Besätze auf der Kleidung, Clavi genannt. Sie können aus dem gleichen Material bestehen wie das Oberkleid oder aus einem teureren Stoff, z.B. Seide. Genaue Angaben zur Breite der Clavi sind nicht überliefert, sodass die Abbildungen nur einen groben Anhaltspunkt darstellen.

 

Da in den Handschriften ja in erster Linie die "High Society" und ihr Dunstkreis abgebildet sind, fehlen uns Informationen über die Kleidung des einfachen Volkes. Je ärmer die Darstellung, desto einfacher sollte die Verzierung der Kleider gewählt werden: Woll- statt Seidenstoffe, kaum oder keine Stickerei usw.

Die "Unterschicht" (in modernen Kategorien ausgedrückt – sie dürfte wohl den größten Teil der Bevölkerung ausgemacht haben) konnte sich womöglich gar keine bunten Besätze leisten und trug dementsprechend ungefärbte (d.h. naturfarbene, also weiße, braune oder graue) Kleidung aus gröberen Wollstoffen.

Zu den Nähtechniken in aller Kürze:

Ich habe gute Erfahrungen gemacht, mich an die Nähte zu halten, wie sie in Elisenhof und Haithabu nachgewiesen wurden. Zum Verbinden zweier Stoffstücke wären das Kapp- oder Schmetterlingsnähte, zum Säumen eine einfache Überwendlingsnaht. (Nähere Infos in der Literatur bei Hägg, Hundt und Kania).

Schema Kappnaht
Schema Kappnaht
Schema Schmetterlingsnaht
Schema Schmetterlingsnaht
Schema Überwendlingsstich am Saum
Schema Überwendlingsstich am Saum

Literatur

  • Crumbach, Sylvia: Karls Franken, http://www.tempus-vivit.net/bibliothek/buch/karls-franken
  • Hägg, Inga: Die Textilfunde aus dem Hafen von Haithabu, Berichte über die Ausgrabungen in Haithabu, Bericht 20, Neumünster 1984.
  • Hundt, Hans-Jürgen: Die Testil- und Schnurreste aus der frühgeschichtlichen Wurt Elisenhof, Elisenhof Bd. 4, Frankfurt am Main 1981.
  • Kania, Katrin: Kleidung im Mittelalter. Materialien – Konstruktion – Nähtechnik. Ein Handbuch, Köln, Weimar, Wien 2010.
  • Müller, Mechthild: Die Kleidung nach Quellen des frühen Mittelalters. Textilien und Mode von Karl dem Großen bis Heinrich III., Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Bd. 33, Berlin, New York 2003.
  • Stuttgarter Psalter, http://digital.wlb-stuttgart.de/digitale-sammlungen/seitenansicht/?no_cache=1&tx_dlf[id]=1517&tx_dlf[page]=1
"Ulfberht"- Schwert, GNM Nürnberg, ca. 825 AD [allgemeinfrei]
"Ulfberht"- Schwert, GNM Nürnberg, ca. 825 AD [allgemeinfrei]