Unterwäsche

Wie die Unterwäsche der Frau genau aussah, wissen wir leider nicht genau. Während man die Oberkleidung noch auf vielerlei Abbildungen bestaunen kann, lassen sich die in den Handschriften abgebildeten Frauen natürlich nicht unter das Kleid schauen - wie schade!

 

Die Unterwäsche der Frau kann man sich als einfaches, weißes oder naturfarbenes* Leinenkleid vorstellen. Je nach Vermögen ist auch Seide denkbar und je nach Jahreszeit ein wärmender Wollstoff.

 

Dieses Unterkleid ist sehr einfach geschnitten, wobei mehrere Schnittvarianten denkbar sind. Die folgende Zeichnung stellt sie in Frontansicht dar, d.h. beim Zuschneiden muss beachtet werden, dass alle Teile doppelt zugeschnitten werden müssen bzw. die Ärmel in doppelter Breite.**

Drei mögliche Schnitte für das Unterkleid: rechteckig (A), A-förmig (B) oder rechteckig mit Gehren (C)
Drei mögliche Schnitte für das Unterkleid: rechteckig (A), A-förmig (B) oder rechteckig mit Gehren (C)

Bei Variante A wäre es auch denkbar, Vorder- und Rückseite in einem Stück zuzuschneiden und in der Mitte das Loch für den Halsaussschnitt zu setzen.


Am wahrscheinlichsten scheinen mir die Varianten A und C, da diese mit weniger Verschnitt auskommen als die Trapezform von Variante B.

 

Länge: Aus Erfahrung kann ich empfehlen, das Leinenkleid etwa 10-15 cm über dem Boden enden zu lassen, da Leinen stark Wasser zieht und bei regnerischen Wetter sonst schnell nass und schwer um die Knöchel schlackert.

Die Ärmel sind lang und wohl relativ eng, eventuell werden sie nach vorne hin schmaler.
Der Halsausschnitt ist entweder rund, wie bei den Oberkleidern des Stuttgarter Psalters, oder schlüssellochförmig, ähnlich dem Ausschnitt der Bernuthsfeld-Tunika.

Wer historisch korrekt mit der Hand näht, dem sei empfohlem, Kappnähte oder Schmetterlingsnähte zu verwenden, wie sie z.B. auf der Wurt Elisenhof (8. Jhd., friesisch) oder in Haithabu (10. Jhd., eher skandinavisch) nachgewiesen wurden. Leider haben sich keine fänkischen Stoffe der Karolingerzeit erhalten, die noch Nähte aufweisen, sodass wir auf umliegende Zeiten bzw. Regionen zurückgreifen müssen.

Schema Kappnaht
Schema Kappnaht
Schema Schmetterlingsnaht
Schema Schmetterlingsnaht

Ob die karolingischen Frauen zusätzlich noch Unterhosen oder ähnliches getragen haben, ist mir leider nicht bekannt und muss im Bereich der Spekulation bleiben.

Anmerkungen:

* Leinen ließ sich mit den damals verfügbaren Pflanzenfarben nur sehr schwer färben: Entweder die Farbe blich ziemlich schnell wieder aus und war dann kaum noch zu sehen, oder die Färbemittel waren sehr teuer und für den "Otto-normal-Karolinger" kaum erschwinglich. Wer eine sehr hochgestellte Darstellung anstrebt, für den käme z.B. noch waidblaues Leinen (helles Indigo) in Frage. Mit Hilfe von Sonnenlicht ließ sich nasser Leinenstoff jedoch bleichen, sodass er unseren modernen reinweißen Stoffen sehr nahe kam.

** Wer Nähanfänger ist und sich beim Maßnehmen unsicher ist, dem empfehle ich den "Bemaßungsbogen für die Frau" vom Zauberfederverlag. Download http://zauberfeder-verlag.de/ => Programm => Kleidung des Mittelalters selbst anfertigen - Grundausstattung für die Frau

 

Literatur:

  • Crumbach, Sylvia: Karls Franken, http://www.tempus-vivit.net/bibliothek/buch/karls-franken
  • Hägg, Inga: Die Textilfunde aus dem Hafen von Haithabu, Berichte über die Ausgrabungen in Haithabu, Bericht 20, Neumünster 1984.
  • Hundt, Hans-Jürgen: Die Testil- und Schnurreste aus der frühgeschichtlichen Wurt Elisenhof, Elisenhof Bd. 4, Frankfurt am Main 1981.
  • Kania, Katrin: Kleidung im Mittelalter. Materialien – Konstruktion – Nähtechnik. Ein Handbuch, Köln, Weimar, Wien 2010.
  • Müller, Mechthild: Die Kleidung nach Quellen des frühen Mittelalters. Textilien und Mode von Karl dem Großen bis Heinrich III., Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Bd. 33, Berlin, New York 2003.
  • Schlabow, Karl: Textilfunde der Eisenzeit in Norddeutschland, Göttinger Schriften zur Vor-und Frühgeschichte Bd. 15, Neumünster 1976.
"Ulfberht"- Schwert, GNM Nürnberg, ca. 825 AD [allgemeinfrei]
"Ulfberht"- Schwert, GNM Nürnberg, ca. 825 AD [allgemeinfrei]