Womit musste ein karolingischer Krieger ausgerüstet sein?

Jeder freie Franke war bei Bedarf zum Kriegsdienst verpflichtet. Für seine persönliche Ausrüstung musste er selbst aufkommen.

Die Ausrüstung, die ein fränkischer Krieger zu besitzen verpflichtet war, bemaß sich nach seinem Reichtum, welcher für gewöhnlich in Landbesitz gemessen wurde. Die übliche Maßeinheit war die Hufe oder Manse, wobei eine exakte Umrechnung auf heutige Maße schwierig ist, da die Größen schwanken. So war etwa eine Manse wohl weniger eine Größeneinheit, als vielmehr ein Ertragsmaß. Handwerker oder Händler wurden, entsprechen ihrem Wohlstand, zu diesem Zwecke zu einer der Landbesitzkategorien gerechnet.

Das Problem besonders für arme Bauern, die keine Knechte oder Bedienstete beschäftigen konnten, waren weniger die Kosten für die von ihnen verlangte, recht bescheidene (s.u.) Ausrüstung, sondern der Umstand, dass sie, während sie auf Kriegszug waren, ihr Land nicht bestellen konnten. Deshalb gab es für derart arme Bauern die Regelung, dass sie sich entweder zu zweit oder, bei noch weniger Besitz, zu viert zusammenschließen konnten, wovon nur einer auszog, während der Rest ihn „unterstützte“. Diese „Unterstützung“ wird in den Quellen nicht näher erläutert, aber es ist wohl so, dass die Unterstützer seine Ausrüstung bezahlten und sich in seiner Abwesenheit um sein Land kümmerten.


Zu den Ausrüstungsvorschriften sind das Aachener Kapitular und der Brief an Abt Fulrad von Interesse. Sehr erhellend ist auch ein Waffenstatut des Langobardenkönigs Aistulf, der zwar kein Franke, sondern eben Langobarde war, aber ein Zeitgenosse und Nachbar von Karl mit einer nahezu identisch strukturierten Gesellschaft.


Das Interessante an der Ausrüstung ist, dass sie additiv zu sehen ist, also jede neue Stufe zusätzlich dazukommt. Ein Krieger der nächsten Stufe muss die Ausrüstung aller niedrigeren Stufen zusätzlich besitzen. Ein Panzerreiter, die "höchste" Stufe des Ausrüstungssystems, war damit zumindest nominell ein wandelnder Waffenladen.

Die einfachste Ausrüstungskombination bestand aus Pfeil und Bogen, darüber standen Lanze und Schild. Ein leichter Bogenschütze oder Infanterist also, ohne Körperschutz, außer dem Schild. Die in Reenactorkreisen beliebte und berüchtigte Frage, inwieweit sich der arme Mann, der ja auch am Leben hing, sich möglicherweise mit einfachen Mitteln (Leder, Holz, Flechtwerk...) einen begrenzten Behelfskörperschutz zusammengebastelt haben mag, soll hier nicht gestellt werden. Da der Krieger ein sehr einfacher Mann ist, ist auch seine Kleidung schlicht. Die Färbung der Kleidung und der recht aufwendige Schild mit mehrfarbigem Lederbezug dürften eigentlich schon etwas zu teuer für diese Rolle sein.

Dass der Bogenschütze rechts einen Recurvebogen benutzt, scheint auf den ersten Blick fragwürdig zu sein. Allerdings ist zu den tatsächlich in Gebrauch befindlichen karolingischen Bögen nur eines bekannt: Nichts. Durch den Kontakt mit Awaren und Byzantinern sowie die Vorgeschichte mit den Römern und den Hunnen waren Recurve- und Kompositbögen den Karolingern zweifelsfrei bekannt. Ob sie sie auch benutzten, ist unklar. Allerdings zeigen einige Abbildungen schon aus merowingischer Zeit Bogenschützen mit Recurvebögen. Im Utrechter Psalter werden sogar auschließlich Recurves abgebildet. Die Abbildungen in den anderen beiden wichtigsten Psaltern lassen sich als so ziemlich alles interpretieren, sie sind halt, wie soll man sagen, irgendwie bogenförmig.

Um auf Nummer sicher zu gehen, ist wohl ein "klassischer" Bogen angebrachter. Ich wiederhole: Nicht wegen der eindeutigen Beleglage. Es gibt bezüglich der karolingischen Bögen keine eindeutige Beleglage abseits von ein paar Psalterbildern.

Interessant ist, was die Bogenschützen betrifft, folgendes:

Die Franken, speziell nun die karolingischen, waren nicht unbedingt berühmt für ihre Bogenschützen. Glaubt man aber nun den Ausrüstungsstatuten, dann müssen Bögen jedoch die häufigste karolingische Waffe schlechthin gewesen sein. Diese Merkwürdigkeit kann ich leider auch nicht erklären.

Ein schwerer Infanterist, also ein Fußkrieger mit Rüstung, wird in den Vorschriften interessanterweise nicht erwähnt. Das ist insofern eigenartig, da sich fränkische Heere traditionell stets auf die Infanterie stützten, was sich erst ab Karl Martell langsam ändert, als offensichtlich wurde, dass man neuen Feinden wie Awaren, Arabern (besser: Mauren; die "Araber", die Spanien erobert hatten und von dort aus in Aquitanien und im Frankenreich einfielen, waren eigentlich islamisierte Berber aus Nordafrika, keine Araber) und später auch Wikingern ohne kavalleristische Komponente kaum Herr werden konnte. Den Awaren und Mauren in erster Linie wegen deren eigener kavalleristischer Komponente, was sie taktisch beweglicher machte als die Franken. Salopp gesagt: Wenn man sie mal erwischte, verdrosch man sie in der Regel, nur leider erwischte man sie zu selten. Auf jeden Fall musste man schneller werden, taktisch wie strategisch. Karl Martell begann, in erster Linie aufgrund der Erfahrungen gegen die Araber/Mauren, mit dem systematischen Aufbau einer eigenen Reiterei.

Zu Zeiten der Karolinger verfügte die Armee zwar schon über eine schlagkräftige und bedeutende Reiterei, der Großteil des Heeres war aber mit Sicherheit noch stark infanteristisch geprägt. Gleichwohl fallen Pferd und Rüstung in die selbe Preisklasse, mit preislichen Vorteilen für das Pferd. Wer sich also eine Rüstung leisten konnte, der konnte sich wohl erst recht auch ein Pferd leisten. Soll heißen: Ein "schwerer Infanterist" hatte sicherlich auch ein Pferd, darauf kam es nun von den Kosten her auch nicht mehr an.

Wenn einmal schwere Infanterie benötigt wurde, dann saßen wohl einfach die Reiter ab. Es ist ohnehin nicht ganz gesichert, ob große Teile der karolingischen Reiterei wirklich als dedizierte Kavallerie kämpften oder ob es sich bei der fränkischen Reiterei nicht zumindest zum Teil eher um berittene Infanterie handelte.

Die nächste Stufe der Ausrüstung ist das Pferd. Ein leichter Reiter, bewaffnet wie oben, ebenfalls ungerüstet, aber beritten. Da der Krieger schon wohlhabender ist als die leichten Infanteristen vor ihm, ist seine Kleidung etwas aufwendiger. Ein blauer Mantel, eine ebensolche Tunika und Hose, sowie die roten Wadenwickel, für die die Karolinger bekannt waren, geschnürt mit bunten Bändern.

Hätte er seinen Mantel sorgfältig angelegt, sähe man auch die große Scheibenfibel, mit der er seinen Mantel verschlossen hat. Vielleicht trägt er seinen Mantel aber auch absichtlich verkehrt herum, um in seiner nachtblauen Kombination nicht durch verräterisches Fibelblinken auf sich aufmerksam zu machen. Ein Stealth-Karolinger also...

Da auch die Reiterei Bögen besitzen musste, lässt sich trefflich spekulieren, inwieweit berittene Bogenschützen in der karolingischen Armee eine Rolle spielten. Im goldenen Psalter ist ein Reiter zu sehen, der zu Pferd mit dem Bogen schießt. Für den berittenen Bogenschützen haben wir uns hier, der o.g. Belegproblematik bewusst, absichtlich für einen handlichen Recurvebogen entschieden. Der Mantel unseres leichten Reiters ist nach klassischer fränkischer Art aus schwerem Wollstoff und liegt zumindest teilweise doppelt, um bei Bedarf im Felde auch als Decke, Schlafsack oder Zelt zu dienen. Der gewalkte Wollstoff ist höchst praktisch, da er, wenn er bei Regen nass wird, an der Oberfläche etwas quillt und damit für einige Zeit weitgehend regendicht wird. Allerdings sind diese Mäntel sehr schwer und sehr warm – im Winter ein Segen, im Sommer ein Fluch.

Die höchste Stufe der Reiterei stellt der Panzerreiter dar, ein voll bewaffneter und gerüsteter Reiter. Er hat alle oben genannten Waffen plus Schwert und Sax respektive kurzes Schwert, wie diese Waffe zunehmend genannt wird. Daneben ist er mit einer Rüstung aus Metall geschützt, entweder Kettenhemd, dem berühmten, aber schwer zu rekonstruierenden Schuppenpanzer oder möglicherweise einem Lamellenpanzer. Als Helm trägt er entweder den ominösen, morionähnlichen Helm aus dem goldenen Psalter oder der Vivian-Bibel oder, wie hier, einen klassischen Spangenhelm. Arm- und Beinschienen sind nicht unwahrscheinlich, es fehlen aber Belege.

Der Reiter im Bild gehört der reichen Bevölkerungsschicht an. Er könnte ein Großbauer sein mit viel Landbesitz und zahlreichen Pächtern und Knechten. Er könnte aber auch ein Gefolgsmann und Berufskrieger in Diensten eines Würdenträgers sein und von diesem ausgestattet werden. Vielleicht ist er einer der in Karls Brief beschriebenen Panzerreiter von Abt Fulrad?

Als wohlhabender oder repräsentativer Mann trägt er einen gesäumten, roten Mantel aus leichtem, bequemen Wollstoff, der auch nur noch einfach fällt und nicht mehr doppelt. Als Decke oder gar Zelt braucht er ihn sicherlich nicht, für ihn ist ohne Zweifel im Tross des Heerzuges gesorgt.


Quellen & Literatur

  • Capitulare Aquisgranense: MGH Capitularia regum francorum 1.171
  • Karoli ad Fulradum abbatum epistola: MGH Cap. 1.168
  • Capitulare missorum: MGH Cap 1.67
  • Psalterium Aureum
  • Stuttgarter Psalter
"Ulfberht"- Schwert, GNM Nürnberg, ca. 825 AD [allgemeinfrei]
"Ulfberht"- Schwert, GNM Nürnberg, ca. 825 AD [allgemeinfrei]