Die militärischen Ausrüstungsteile der Karolinger en detail

Der Schild

Die grundlegendste Ausstattung bestand aus Lanze und Schild, sowie Pfeil und Bogen. Der typische karolingische Schild, der von Infanterie wie Kavallerie gleichermaßen benutzt wurde, hatte zwei charakteristische Merkmale: Eine sphärische Wölbung und einen zwiebelförmigen Schildbuckel, beides schön zu sehen im Stuttgarter Psalter. [Bild links]. Für die Buckel gibt es Fundbelege, für die Wölbung leider nicht, da der hölzerne Schildkorpus vergangen ist. Die wenigen Reste des Korpus, die an vereinzelten Funden erhalten sind, lassen keinen eindeutigen Rückschluss auf die Form zu. Der Rand einiger weniger, relativ gut erhaltener, gefundener Schildbuckel ist so geformt, als habe er auf einen gewölbten Korpus gepasst. Es könnte allerdings auch nur eine Verformung durch Jahrhunderte im Erdboden sein. Aber die Bilder im Psalter sind ziemlich eindeutig, auch wenn vereinzelte Kritiker einwerfen, es könne sich um eine zeichnerische Verzerrung handeln. Der Bau eines solchen Schildes ist nicht ganz trivial. Letztendlich wissen wir natürlich nicht, wie sie hergestellt wurden, aber wahrscheinlich müssen mehrere Lagen dünne Planken, leicht tonnenförmig geschnitten, gewässert und über einer Form verspannt, querverleimt werden. Die Schilde scheinen außen und innen mit Leder oder Textil bezogen zu sein, wie die angedeutete Nagelung auf einigen Bildern bezeugt. Die Schilde sind recht groß und werden daher sicherlich passiv geführt. Ein eingedrehtes Strahlenmuster scheint das traditionelle fränkische Dekorationselement zu sein.

Rekonstruktion in Plankenbauweise mit unterschiedlich gegerbtem Lederbezug und Nagelung in Anlehnung an das Bild oben. Der verstärkte Rand, der im Psalterbild zu erkennen ist, verschwindet hier unter dem Lederbezug, ist aber als leichter Wulst noch erkennbar. Das eingedrehte Spiralmuster war zwar geplant, habe ich aber schlicht nicht hinbekommen.


Mögliche grobe Fehler:
Klassische runde Schildbuckel sind nicht typisch karolingisch. Ebenso gegenständliche Schildbemalungen wie etwa Greife, Drachen oder Meerschweinchen. Die Schilde sind rund, möglicherweise auch oval; keine Kite- oder Normannenschilde.

Die Flügellanze

Als „Lanze“ wird hier nicht notwendigerweise eine Reiterwaffe angesprochen, sondern ein großer, nicht zum Wurf gedachter Speer. Die Rekonstruktion ist hier relativ leicht, da Funde und Psalterbilder eindeutig sind. Der Schaft ist übermannslang, ob rund oder kantig sei dahingestellt. Die lanzettliche Blattspitze zeichnet sich durch die beiden seitlichen „Flügel“ an der Tülle aus. Eine wirklich plausible Erklärung dieser Flügel für einen realen Zweck im Kampf fehlt. Vermutlich sind diese ein rein stilistisches Merkmal, möglicherweise ein Überbleibsel des Jagdspeeres für Wildschweine. Daneben gibt es auch zahlreiche Abbildungen und Funde von Lanzenspitzen ohne die Flügel, sie sind also kein absolutes Muss. Die Blattformen sind vielfältig, von schmal bis breit.

Der Helm

In den Bildquellen taucht immer wieder eine bestimmte, eigenartige Helmform auf, die wegen ihrer charakteristischen Form mitunter als „Karolinger-Morion“ bezeichnet wird. Allerdings hat diese Form zwei Belegprobleme:
Zum einen taucht sie in nicht vielen Bildquellen auf (nicht dass es überhaupt allzu viele karolingische Bildquellen gäbe...) und abgesehen von Psalterium Aureum [oben] sind diese Quellen sehr romanisierend.  [Vivian Bibel, links]
Zum anderen fehlen jegliche Funde zu dieser Helmform.



Eine Replik dieses Helms wird daher immer hypothetisch sein, ist aber durchaus eine interessante und legitime Sache. [Bild rechts mit freundlicher Genehmigung von Maximilian Bertet]

Stuttgarter Psalter 5v
Stuttgarter Psalter 5v

Die Helme im Stuttgarter Psalter dagegen scheinen bei näherer Betrachtung in der Regel eher einen klassischen Spangenhelm abzubilden, wie an den nicht nur von vorne nach hinten, sondern auch quer verlaufenden Spangen zu sehen ist. Auch hat der hier gezeigte Helm offenbar einen Nackenschutz aus Kettengeflecht.

 

Mögliche grobe Fehler:
Typische hochmittelalterliche Helmformen. Bitte auch keine Leihgaben bei den Wikingern, wie etwa Brillenhelme. Generell nichts mit Visier.

Der Sax

Kommt bei den Karolingern langsam aus der Mode, ist aber im Fundgut sehr wohl noch vertreten. Ob man dieses Objekt nun als „Sax“ oder als „langes Messer“ bezeichnen möchte, ist ebenso eine akademische Frage wie die, ob man das Teil als Waffe oder als Werkzeug ansieht. [links: „Jagdmesser Karls des Großen“ ist aber post-karolingisch]

Stuttgarter Psalter 5v
Stuttgarter Psalter 5v

Wo der Sax getragen wurde ist nicht ganz klar, die meisten Quellen sprechen für eine seitliche oder gar frontale Trageweise, stammen aber nicht aus der Karolingerzeit. Mir ist als konkret karolingische Quelle dazu eigentlich nur eine Abbildung aus dem Stuttgarter Psalter bekannt, diese zeigt den Sax seitlich.

Mögliche grobe Fehler:
Wikingische, „keltische“ oder sonstige heidnische Ornamentik auf Griff oder Scheide.

Die Rüstung

Stuttgarter Psalter 31r
Stuttgarter Psalter 31r

Ein Quell ewiger Freude für den engagierten Reenactor. (Definition „Ironie“ laut Brockhaus: „Eine meist spöttische Äußerung, die mit verstelltem Ernst das Gegenteil von dem meint, was sie sagt“)
 
Die Standardrüstung für den schwergepanzerten (und damit wohlhabenden) Krieger dürfte wohl ganz klassisch ein Kettenhemd gewesen sein. Der Grund ist einfach: Es war vorher in Gebrauch und es war nachher in Gebrauch. Also ist es höchst unwahrscheinlich, dass es ausgerechnet zwischendurch nicht in Gebrauch gewesen sein sollte. Warum dieses indirekte Drumherumgerede? Nun, in den Quellen werden nur Schuppenpanzer genannt oder gezeigt. Wobei die Schriftquellen meist nur ganz allgemein von „Brünnen“ sprechen. Diese bestehen aus „eisernen Schuppen, auf ein leinenes Gewand aufgenäht“, worunter man sich im Detail viel vorstellen kann. Und die einzige tatsächlich gefundene karolingische Schuppe [Fo: Burg Hünenburg bei Hunnesrück, Ldkr. Northeim. Verbleib: Museum der Stadt Einbeck] ist entgegen dieser Beschreibung aus Bronze.

Stuttgarter Psalter 12 v
Stuttgarter Psalter 12 v

Die Abbildungen (voran Stuttgarter Psalter, Psalterium Aureum) scheinen eine klare Sprache zu sprechen: Ein komplett mit metallenen (der Farbe nach eisernen) Schuppen besetztes Oberteil [siehe Bild oben]. Meist sind noch Ärmel und Oberschenkel mit Schuppen besetzt. Eine Abbildung [rechts] zeigt sogar eine mit Schuppen besetzte Hose. Die Ärmel scheinen, wie bei einem T-Shirt, integraler Bestandteil der Rüstung zu sein, auch angezogen wird die Rüstung offenbar wie ein Hemd, also zum Überziehen. Ein Öffnungsmechanismus ist nicht zu erkennen.

Baut man nun eine solche Rüstung exakt nach Psalterbild nach, so erkennt man, dass dies höchst unpraktisch ist oder gar überhaupt nicht funktioniert. Sind also Schuppenrüstungen an sich auch recht sicher belegt (bei einigen Psaltern muss man berücksichtigen, dass sie sich sehr stark an byzantinische Vorbilder anlehnen oder diese gar kopieren, aber in Verbindung mit den Schriftquellen ist die Existenz dieser Rüstung für die Karolinger doch als sicher anzunehmen), so ist die genaue Bauart unklar. Aufgrund der Praktikabilität und auf Basis waffentechnischer Analogien ist zu vermuten, dass die Ärmel/Schultern separat angesetzt wurden und die Rüstung wohl einseitig (vermutlich links, da dort der Schild schützt) geöffnet werden konnte, um sie besser anlegen zu können.
Eine Rekonstruktion einer karolingischen Rüstung, speziell eines Schuppenpanzers, ist damit eine reichlich spekulative Angelegenheit. Wie es eventuell ausgesehen haben könnte, zeigt der Ansatz links.

Rekonstruktion eines fränkischen Panzerreiters, 2. Hälfte 8. Jh.
Rekonstruktion eines fränkischen Panzerreiters, 2. Hälfte 8. Jh.

Weshalb nun die obige Vermutung, die verbreitetste Rüstung sei, trotz allem Gerede und Gemale um die Schuppenpanzer, das Kettenhemd gewesen? Nun, wenn tatsächlich die karolingische Standardrüstung der Schuppenpanzer gewesen wäre, dann blieben zwei Fragen: Woher kamen diese vielen Rüstungen so plötzlich und wohin gingen sie hernach? Vor und nach den Karolingern ist es im mitteleuropäischen Raum nämlich recht ruhig um den Schuppenpanzer.
So steht zu vermuten, dass der Schuppenpanzer zwar wohl der prestigeträchtigste, aber nicht unbedingt der verbreitetste Rüstungstyp der Karolinger gewesen sein dürfte.

Ein interessanter Rekonstruktionsansatz ist hier rechts zu sehen, weil er auf alle "typisch karolingischen", aber eben nicht durch Funde eindeutig belegbare Merkmale, wie "Morion", Schuppenpanzer, Kleeblattverteiler und Tulpenstiefel (im Bild hier nicht zu sehen) verzichtet und trotzdem glaubwürdig bleibt. (Bild rechts: Im Rahmen der Ausstellungstrias "KARL DER GROSSE. Macht Kunst Schätze" hier: Ausstellung "Orte der Macht", Aachen, Rathaus Figur und Ausstattung: Aachen, Centre Charlemagne. Bild mit freundlicher Genehmigung des Centre Charlemagne)

Stuttgarter Psalter 5v
Stuttgarter Psalter 5v

So oder so, beide Rüstungsarten sind auf jeden Fall kurzärmlig, lange Ärmel sind auf keinem einzigen Bild zu erkennen. Verlängerungen für die Oberschenkel scheint es, wenn man den Bildern Glauben schenkt, als festen Bestandteil der Rüstung sowie in Form eines extra Rocks  gegeben zu haben [links].
Neben diesen beiden Rüstungsarten dürfte auch noch der klassische Lamellenpanzer vorhanden gewesen sein, obwohl er (wie auch die Kettenrüstung) in keiner Bildquelle auftaucht.

Mögliche grobe Fehler:
Plattenrüstungen sind weder ganz noch in Teilen (Schulterplatten, Armzeug, Panzerhandschuhe) belegt. Sie kommen erst viel später auf.

Die Spatha

Eine frühe Schwertform, erkennbar durch die weitgehend parallelen Schneiden, die in einem nicht allzu spitzen Ort zusammenlaufen, was darauf schließen lässt, dass der Hieb, nicht der Stich die Hauptauslegung war. Eine Griffpartie, die gerade Raum genug für eine Hand lässt und ein kurzes Parier, dass diesen Namen nicht verdient und sicherlich auch nicht als solches eingesetzt wurde. [Seitenbild rechts]
Eine einzige, typische Form der karolingischen Spatha gibt es nicht. Allen Abbildungen und Funden gemein ist ein erhöhter und von den Seiten optisch (nur optisch, keine Spalte) abgesetzter Mittelteil des Knaufs. Häufig wird diese Form als „Wolkenknauf“ bezeichnet, was typologisch ein wenig heikel ist, da der echte Wolkenknauf erst später aufkommt. Die Funde bewegen sich zumeist um Geibig Typ 1 – 5. (vergl: „swords of the viking era“)

Die Klingen waren oft damasziert oder „wurmbunt“, obwohl es schon seit der frühen Merowingerzeit auch undamaszierte Spathae aus Monostahl gab. Diese waren, entgegen der landläufigen Meinung über die legendären Eigenschaften der Damaszierung, die qualitativ hochwertigeren Schwerter, aber der Ruf dieser Technik hat eine geradezu mystische Überhöhung erreicht. Möglicherweise war die grandiose Optik Grund genug, mit signifikantem Mehraufwand mechanisch an sich schlechtere Schwerter zu produzieren. In der späten Merowingerzeit und der Karolingerzeit beschränkt sich die Damaszierung häufig auf sogenannten Fournierdamast, bei dem auf einen Monostahlkern nur noch beidseitig Damast aufgeschweißt wird (vergl: Menghin, „Das Schwert im frühen Mittelalter“).  Die Rekonstruktion hier im Bild ist stilistisch deutlich vor dem "Ulfberht"-Schwert und auf Anfang bis Mitte des 8. Jahrhunderts zu datieren, also ganz am Anfang der Karolingerzeit, eher noch ausgehende Merowingerzeit (Karl Martell)

Die Griffe sind bei karolingischen Spathae noch aufwendig, oft mit Tauschierungen, verziert, die Scheiden dagegen scheinen eher schmucklos gewesen zu sein. Die Scheiden und die Trageweise zu rekonstruieren ist schwierig, da zwar einige Schwerter als Streufunde ausgegraben wurden, komplette Grablegen aber bekanntermaßen nicht mehr oder nur noch vereinzelt vorliegen. Ein typisches Merkmal der Wehrgehänge ist der Kleeblattverteiler, dessen genaue Funktion aber unklar ist. In den Bildquellen sind nie Schwerter zu sehen, die mit diesem System wirklich an der Hüfte getragen werden; die Leibgarde in der Vivian-Bibel hält das Schwert ihres Herrn mit gewundenem Trageriemen in der Hand. Daraus ist die Tragweise am Mann nicht abzuleiten. Eine mögliche Trageweise ist hier [links] rekonstruiert.

 

Da diese Trageweise nach eigenen Erfahrungen nicht immer praktisch und zudem relativ aufwendig ist, könnte eine klassische Trageweise mit Durchzug am Schultergurt auch in der Karolingerzeit möglich gewesen sein. Die beschriebene Trageweise mit Kleeblattverteiler ist möglicherweise auch nur eine besondere Trageform zu speziellen Anlässen oder für hochgestellte Personen.

Mögliche grobe Fehler:
Typische merowingische oder völkerwanderungszeitliche Merkmale wie Schwertperlen, Ringknäufe, Scheidenmundbleche, Scheidenrandbeschläge oder aufwendige Ortbänder an der Scheide gab es in der Karolingerzeit schon lange nicht mehr, ebensowenig wie Almandinverzierungen. Ebenso sind typische „Ritterschwerter“ mit spitz zulaufender Klinge, langen Griffen und breiten Parierstangen zu modern für einen Karolinger. Vorsicht bei „Wikingerschwertern“: Zwar stimmt die Klingenform, aber die Ornamentik der Griffe ist nicht karolingisch. Karolingische Klingen waren ein begehrtes Schmuggelgut (der reguläre Handel war verboten), aber die Skandinavier bevorzugten, ihre eigenen Griffe zu montieren.

Quellen & Literatur:

Wichtige Quellen:

  • Capitulare Aquisgranense: MGH Capitularia regum francorum 1.171
  • Karoli ad Fulradum abbatum epistola: MGH Cap. 1.168
  • Capitulare missorum: MGH Cap 1.67
  • Psalterium Aureum
  • Stuttgarter Psalter
  • Lex ribuaria: MGH Leges nationum Germanicarum 3.2.94
  • Originalfunde durch viele, viele Museumsbesuche... (Kataloge siehe Literatur)



Literatur:

  • Menghin: „Das Schwert im frühen Mittelalter“ (hört mit der Merowingerzeit auf!)
  • Simon Coupland: „Carolingian Arms and Armour in the ninth century“
  • D. Nicolle: „The age of charlemagne“
  • Verbruggen: „L'Armee et la strategie de Charlemagne“
  • M. Last: „Die Bewaffnung der Karolingerzeit“
  • Ganshof: „A propos de la cavalerie dans les armies de Charlemagne“
  • „Die Franken - Wegbereiter Europas“ ISBN 978-3-92777-410-0
  • „799 Kunst und Kultur der Karolingerzeit“ ISBN 978-3-80532-456-4
  • „Europas Mitte um 1000“ ISBN 978-3-80621-544-1
  • „Orte der Macht“ (ISBN 978-3-95498-113-7 / ...-112-0 / ...-114-4)


Anmerkung:
Einige der genannten Werke sind nach neuerem Kenntnisstand teilweise veraltet.

"Ulfberht"- Schwert, GNM Nürnberg, ca. 825 AD [allgemeinfrei]
"Ulfberht"- Schwert, GNM Nürnberg, ca. 825 AD [allgemeinfrei]